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26. Sokratisches Treffen, am 17./18. März 2001 in Mannheim, Hotel
Wartburg
Den Vorsitz teilen sich:
Frau Prof. Höhl, Schriftsteller Alfried Lehner, Dr. Wolfgang von
der Weppen
Themen:
Goethes Verhältnis zu Volk und Nation
(Prof. Dr. Fröschle )
Sind wir Bürger zweier Welten? Was bedeutet uns Kant
heute? Eine exoterischeDarstellung seiner Transzendental-Philosophie (Dr.
rer.nat. U.F. Wodarzik)
Zeitverzögerung, Muße, Beschleunigungskrise (Prof.
Dr. Peter Heintel)
Forschungen zum Homo heidelbergensis von Mauer an der Elsenz
in Baden (Dr. Karl W. Beinhauer)
Die Quadratur des Goethe? Der Dichter in Mannheim" (Dr.
Hanspeter Rings)
Dichterlesung Ingeborg Hiel: Die Autorin liest Lyrik und
Prosa aus ihren WerkenSchlußworte von Frau Prof.
Dr. Gudrun Höhl
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Berichte vom Samstag, den 17. März 2001
9.15 Uhr Eröffnung durch Schriftsteller Alfried Lehner
9.30 - 11.00 Prof. Dr. Fröschle :
"Goethes Verhältnis zu Volk und Nation"
Ab 10.30 Uhr Aussprache
Professor Fröschle stellte seinen Vortrag in die
aktuelle Situation, in der die Nationen Europas mehr und mehr zusammenrücken.
Er machte deutlich, "wie viele politische Umbrüche und damit
verbundene Umwertungen politischer Gegebenheiten" Goethe im Verlauf
seines langen Lebens beschieden waren: die Auflösungserscheinungen
des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, die Besetzung Frankfurts
durch Französische Truppen im Rahmen des siebenjährigen Krieges,
die Französische Revolution, die Koalitionskriege, die französische
Besetzung von Mainz, die napoleonischen Kriege, das Ende des Reiches,
die Gründung des Rheinbunds, Napoleons Herrschaft über Deutschland,
der Aufstieg Rußlands, die Neuordnung Europas durch den Wiener Kongreß,
die Restauration unter Metternich und schließlich gegen Ende von
Goethes Leben die Julirevolution in Frankreich.
Vor diesem geschichtlichen Hintergrund fächerte Hartmut Fröschle
das Leben Goethes auf, das für den Hörer besonders durch die
zahlreichen ausführlich zitierten Stellungnahmen des Dichters und
Politikers am Weimarer Hofe zu den jeweiligen politischen Lagen wiedererweckt
wurde. Dabei erwies sich Goethes politische Weitsichtigkeit und scharfsinnige
Lagebeurteilung, die zuweilen eine geradezu verblüffende Aktualität
für unsere Zeit gewinnt.
Von Einfluß auf dieses Denken war die "Luft der Aufklärung",
die der Student in Leipzig einatmete. "Eine entscheidende Wendung
seines Weltbildes" wurde durch die Begegnung mit Johann Gottfried
Herder und Justus Möser herbeigeführt. Herder führte ihn
in Straßburg in die Gedankenwelt des Sturm und Drang ein, deren
Umwertung literarischer und künstlerischer Zeugnisse den Wert der
Volksdichtung und der nationalen mittelalterlichen Kultur hervorhob. Goethe
sammelte im Elsaß Volkslieder und bereicherte die deutsche Lyrik
durch volksliedhafte Lieder wie das "Heidenröslein". Mösers
und Herders Einfluß führten schließlich auch zu dem Drama
"Götz von Berlichingen", wobei der Redner auf die dichterische
Freiheit in der Darstellung der Zustände im Reich hinwies. Das "Reichische
Empfinden" war auch Gegenstand der Gespräche mit den beiden
Prinzen von Weimar bei deren Besuch in Frankfurt im Dezember 1774. Auch
im "Egmont", der sich an "Götz von Berlichingen"
anschloß, geht es um Herrschaft und Volksfreiheit. "In seiner
endgültigen, 1788 veröffentlichten Form ist schon eine Ahnung
der kommenden Revolution zu spüren." In diesem Zusammenhang
zitierte Fröschle aus den Gesprächen mit Eckermann von 1824,
"daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes
ist, sondern der Regierung.
Revolutionen sind ganz unmöglich,
sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach
sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen
entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige
von unten her erzwungen wird."
Nach seinem Eintritt in den Fürstendienst 1775 ging Goethe "in
elf Jahren durch die Schule der praktischen Administration eines deutschen
Kleinstaates" in einer Zeit der Auflösung des Reiches und wurde
dabei auch in die komplizierte Reichspolitik verwickelt (Verhandlungen
des Fürsten 1784 über die Gründung eines deutschen Fürstenbundes).
"Das liebe heil'ge röm'sche Reich, / Wie hält's nur noch
zusammen?" zitierte der Redner den Zechgenossen in Auerbachs Keller
und verwies auch auf die Halsbandaffaire, die Goethe im "Groß-Cophta"
verarbeitet hat.
"Der Ausbruch der Französischen Revolution verursachte bei Goethe
ein lebenslanges Trauma." Vor diesem Hintergrund des Schocks über
das entfesselte Chaos erläuterte der Redner die späteren politischen
Äußerungen Goethes, der lange Zeit den Glauben an die Befähigung
der Deutschen zum Erhalt ihrer nationalen Unabhängigkeit verloren
hatte (Beispiele aus den Xenien, aus Briefen und mündliche Äußerungen
sowie Hermann und Dorothea). Um so mehr bemühte sich Goethe in jener
Zeit um die Förderung der deutschen Kultur. Der Redner zitierte ausführliche
Äußerungen Goethes und auch Schillers zu Lage der deutschen
Nation (Schillers Gedichtfragment Deutsche Größe, Goethes Aufsatz
Literarischer Sansculottismus (1795)). Obgleich Goethe zur Auflösung
des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im August 1806 schwieg,
kann seine "reichische Gesinnung" bis ins hohe Alter nachgewiesen
werden (Heinrich von Sbrik). Die Niederlage Preußens bei Jena und
Auerstedt scheint Goethe nicht unvorbereitet getroffen zu haben. Die Trauer
der jungen Romantiker über den Verlust der "alten deutschen
Herrlichkeit" konnte er in seinem realistischen Sinn nicht nachvollziehen.
Fröschle führte überzeugende Beispiele zu der nüchternen
politischen Lagebeurteilung Goethes an, die einem Politiker der Gegenwart
zur Ehre gereichen würden (Brief an Zelter sowie aus den Gesprächen).
Napoleon als maßlosen Usurpator erkannte Goethe erst sehr spät.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das Eintreten Goethes
für seinen Herzog ist die flammende Entgegnung gegenüber Johannes
Falk, als dieser ihn über die Liste französischer Anschuldigungen
gegen Karl August informierte. Aus dieser Zeit brachte der Redner zahlreiche
Beispiele, wie sich Goethe bemühte, in der Zeit politischer Ohnmacht
und Zerrissenheit die deutsche Kultur zu pflegen. Er wollte sogar 1808
"einen Kongreß ausgezeichneter Männer zustande bringen,
damit sie über Gegenstände der deutschen Kultur sich gemeinschaftlich
beraten" (zit, n. Bode).
Ab 1812 ist bei Goethe eine gewisse Resignation festzustellen (Gespräche
mit Stolberg, W. v. Humboldt in Karlsbad, später mit G. Körner
und E. M. Arndt in Dresden). Seine Weitsicht war so klar, daß er
den Mißerfolg der Weimarischen Freischar Kiesers voraussah und seinen
Sohn von einer freiwilligen Beteiligung abhielt.
Ein überwältigendes Zeugnis von der warmherzigen Zuwendung Goethes
zur deutschen Nation zitierte Fröschle aus Luden: Rückblicke
in mein Leben. Goethe hielt aus politischer Klugheit den vaterlandsbegeisterten
Luden davon ab, eine kämpferische Zeitschrift ("Nemesis")
zu gründen, die den Aufstand der Nation geistig vorbereiten sollte.
Goethes Begründung ist die eines klugen und weitsichtigen Politikers.
Der Redner zog weitere Briefe Goethes heran, aus denen seine Skepsis gegenüber
dem Solidaritätsgefühl der Deutschen deutlich wird. (an Karl
Ludwig und Karoline von Woltmann sowie Franz Bernhard von Buchholz). Goethe
betont hier den "Fehler der Deutschen, einander im Wege zu stehen",
um gleichzeitig den Vorzug der Nation hervorzuheben, "daß nämlich
vielleicht in keiner anderen so viele vorzügliche Individuen geboren
werden und nebeneinander existieren."
Im hohen Alter nahm Goethe gegenüber Eckermann zu den Vorwürfen
Stellung, daß er in den Freiheitskriegen weder zu den Waffen gegriffen
noch politische Gedichte verfaßt habe. Dabei durchschaut er scharfsinnig
die klischeehaften Vorwürfe, die letztlich auf eine Verurteilung
des blinden Eifers hinauslaufen, der übersieht, daß jeder nach
seinen Fähigkeiten handeln muß, wenn ein Vorhaben Erfolg haben
soll: "Kriegslieder schreiben und im Zimmer sitzen! - Das wäre
meine Art gewesen! - Aus dem Bivouac heraus, wo man nachts die Pferde
der feindlichen Vorposten wiehern hört: da hätte ich es mir
gefallen lassen! Aber das war nicht mein Leben und nicht meine Sache,
sondern die von Theodor Körner. Ihn kleiden seine Kriegslieder auch
ganz vollkommen. Bei mir aber, der ich keine kriegerische Natur bin und
keinen kriegerischen Sinn habe, würden Kriegslieder eine Maske gewesen
sein, die mir schlecht zu Gesicht gestanden hätte." Den Vorwurf,
er sei ein Fürstenknecht gewesen, kommentiert Goethe gegenüber
Eckermann: "Diene ich etwa einem Tyrannen? Einem Despoten? - Diene
ich denn etwa einem solchen, der auf Kosten des Volkes nur seinen eigenen
Lüsten lebt?" Und dann zeichnet Goethe ein Bild der Hochachtung
und Zuneigung zu Karl August, das in seiner menschlichen Wärme bewegend
ist.
Im Hinblick auf eine vielseitige Kultur entwirft Goethe geradezu ein Konzept,
wie wir es heute in unserem Land aus der Kulturhoheit der Länder
kennen.
Schließlich stellte der Redner seinen Zuhörern den weisen abgeklärten
Goethe des Jahres 1827 in einem Brief an Th. Carlyle vor: "Eine wahrhaft
allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere
der einzelnen Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt,
bei der Überzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft
Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit
angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung
tragen die Deutschen seit langer Zeit bei." (Eckermann)
Alfried Lehner
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11.15- 12.45 Uhr Dr. rer.nat. U.F. Wodarzik :
"Sind wir Bürger zweier Welten? Was bedeutet
uns Kant heute?"
Eine exoterische Darstellung seiner Transzendental-Philosophie
Ab 12.15 Uhr Aussprache
Dr. Wodarzik ließ Kant nicht nur zum Prüfstein für modernes,
zeitgenössisches Welterfassen werden, sondern zum Prüfstein
für klares metaphysisches Denken schlechthin. In Fortführung
seines Vortrags vor zwei Jahren spitzte er die Kantsche Problematik auf
die Frage zu: Sind wir Bürger zweier Welten?
Der Philosoph und Vertreter der theoretischen Physik begnügte sich
nicht mit einer erkenntnistheoretischen Fragestellung in Bezug auf Erkenntnis,
besonders - was ja naheliegen würde - naturwissenschaftliche Erkenntnis,
vielmehr ging es ihm um die aporetische Daseinsstruktur des Menschen selbst.
In einem Überblick, der kursorisch bis Augustinus
und Aristoteles zurückführte, wurde insbesondere Kants Denkleistung
herausgestellte, den Rationalismus Descartscher Observanz und den Empirismus
Lockes und den Skeptizismus Humes in all deren Gegensätzlichkeit
überwunden und zu einem Ganzen der Welterfassung und Weltdeutung
gemacht und damit neue Grundlagen gelegt zu haben. Freilich: das aporetische
Dasein des Menschen wird im Widerspruch manifest, wie ihn Kant schon in
der Vorrede der Kritik der reinen Vernunft von 1781 angedeutet hat: die
menschliche Vernunft werde von Fragen belästigt, welche sie nicht
abweisen kann, welche sie aber auch nicht beantworten kann, da menschliche
Erkenntnis dazu nicht ausreiche. In der Beschränkung Kants auf die
Gegebenheiten der Einheit der transzendentalen Apperzeption schimmert
für Wodarzik eine Art sokratischen Nichtwissens durch. Im Grenzbegriff
des Ding an sich, eines etwas unglücklichen Terminus sei jedoch jeder
Relativierung vorgebeugt: "Wir erkennen, daß das Ansichsein
als transzendentale Idee für die sittliche Freiheit gegenüber
dem Naturmechanismus außerordentlich entscheidend ist." Natur
und Freiheit - die beiden Pole, in jenem Grenzbegriff in ein Ganzes gezwungen.
Wodarzik läßt die entscheidenden Stationen Kants in der Entwicklung
der Gedanken zur "Kritik der reinen Vernunft" ebenso eindrucksvoll
Revue passieren wie die ersten Reaktionen Goethes, Schillers, Moses Mendelsohns,
Schopenhauers oder Heines. Subtil wird der Aufbau der Schrift resümiert,
ihre Vorgeschichte einbezogen und entfaltet, deren Wirkungsgeschichte
von Fichte, von Schopenhauer, Deussen oder Nietzsche bis zum Physiker
Erwin Schrödinger angeschlagen und ein Seitenblick auf die von Deussen
gezogene Parallele zum buddhistischen Denken gewagt. Sind
wir Bürger zweier Welten? Dies war die Frage die Wodarzik im Hinblick
auf Kant stellte. Erfahrbare und intelligible Welt sind insofern miteinander
verknüpft als die physische Welt und die moralische Welt nur über
das Subjekt, über "das Gesetz in mir" in Einklang zu bringen
sind. Der Untertitel des Vortrags lautete: Was bedeutet uns Kant heute?
In einer Welt, in der Demut und Ehrfurcht vor dem Schönen und Erhabenen
im Schwinden scheint, bedarf es mehr denn je, wie Wodarzik unter Hinweis
auf Herbert Kesslers Mahnung, ausführte, einer globalen Wertethik.
Hier kann Kant wie kein zweiter Wegweiser sein.
v.d.Weppen
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15.15- 16.15 Uhr Prof. Dr. Peter Heintel :
"Zeitverzögerung, Muße, Beschleunigungskrise"
Ab 15.45 Uhr Aussprache
Wenn ein Philosoph gleichzeitig auch ein Psychologe ist, dann ist immer
etwas Besonderes zu erwarten, man ist gespannt. So waren wir es alle,
als Univ. Prof. Dr. Heintel - er hat sich in Philosophie und Psychologie
habilitiert - mit seinem Vortrag begann. Sein Vortrag war getragen von
einer reichen Umsetzung von philosophischer Weisheit und psychologischer
Kenntnis, vom menschlichen Miteinander. Was den Vortrag besonders farbig
und interessant machte, war der lockere Vortragstil verbunden mit Witz
und Charme neben der gediegenen Sachkenntnis. Wie andere auch (z. B. Peter
Kafka, und der Franzose Virillo), hat Prof. Heintel klar erkannt, daß
wir in einer Zeitkrise stecken, daß Fortschrittsdenken unsere Lebensqualität
gefährdet. Was für eine Zeitkultur sollen wir anstreben? Wie
sollen wir die Zeit einteilen, wie mit ihr umgehen? Die ständige
Beschleunigung unser Lebenswelt wird im Grunde immer unerträglicher.
Es müssen wohl die vielen materiellen Möglichkeiten sein, ferner
gibt es so viel in der Medienwelt zu sehen, was unsere Lust nach mehr
steigert, woraus der sinnlich gefühlte Zeitdruck entsteht, man könnte
ja etwas verpassen. Besonders widmete sich der Referent dem Verhältnis
von Zeitmanagement und der Lebenskunst. Worin besteht ein geglücktes
Leben? Nie nehmen wir uns Zeit danach zu fragen, wir schieben diese Frage
in die ferne Zukunft. Die Zeit beschleunigt uns wie in einem Wirbel in
eine unbestimmte Zukunft und oft übersehen wir Kostbares und Wertvolles,
das in der Gegenwart plötzlich aufblitzt oder bereits in der sicheren
und faktischen Vergangenheit liegt. Ob unser Leben gelungen oder geglückt
ist, so der Referent, davon haben wir während unserer Lebenszeit
nur Augenblickserfahrungen, erst an seinem Ende wissen wir es. Aber weil
es uns oft an Muße fehlt, kommen wir nur selten zu einer Grundbilanz.
Die Hoffnung, doch noch weiter zu leben, hält uns vor diesem Bilanzieren
zurück, das faktische Ende, der Tod, verwehrt uns den irdischen Rückblick.
In diesem Kontext fällt mir der tiefe und berühmte Ausspruch
des Anaximandros ein - sein einziges Fragment -, es zeigt uns, daß
auch in vorsokratischer Zeit große Denker und Philosophen die Probleme
der Zeit erkannten, die sie auf ihre Weise in den Griff zu bekommen versuchten:
"Woraus aber die Dinge ihre Entstehung haben, darein finde auch ihr
Untergang statt, gemäß der Schuldigkeit. Denn sie leisteten
einander Sühne und Buße für die Ungerechtigkeit, gemäß
der Verordnung der Zeit."
Lebenskunst, so könnte man heute meinen, bestehe nur in der Beherrschung
von Streßsituationen, Entspannungstechniken oder der richtigen Dosierung
von Auf- oder Abputschmittel. Lebenskunst hat etwas mit Muße zu
tun. Ein Müßiggänger hat ein völlig anderes Zeitverständnis
als ein von der Beschleunigungskrise erfaßter Tätiger. Wer
hat nun mehr vom Leben, der Flaneur oder der Rastlose? Nun, die Lebenswirklichkeit
und die Forderungen des Tages verbieten einseitige Lebensweisen. Lebenskunst
und Zeitgestaltung sind in der dauernden Lösungspflicht dieses Widerspruchs
innig verschwistert, so hörten wir. Das Leben ist der beste Lehrmeister.
Woher weiß man, was seinem Lebenszweck entspricht? Vielleicht mag
neben den vielen Verlockungen des Daseins auch das Nichtwissen um seinen
Lebenszweck die Hast der Menschen erklären. Das Überleben in
der Natur ist innerer Zweck des Lebens; das gilt auch für den Menschen,
aber ihm geht es im Gegensatz zu anderen Lebewesen außerdem um ein
zweites Leben, nämlich das bessere Leben. So lebt der Mensch von
Anfang an in "zwei Leben". Und es ist die Lebenskunst zusammen
mit der Zeitverzögerung, die diese Lebensentzweiung von Natur (=
das gegenwärtige Leben an sich) und Geist (= das vermutete oder geglaubte
bessere Leben in der Zukunft) versöhnt, erklärte uns der Referent.
Die vermittelnde Instanz der Entzweiung von Körper und Geist ist
die Lebenskunst, sie hat eine ästhetische Dimension. Hier offenbarte
sich kantisches Gedankengut aus der Kritik der Urteilskraft. Heute wird
uns Selbstverwirklichung durch "Schnellebigkeit" versprochen,
je schneller, desto mehr, desto besser; Schnellere gewinnen immer, "Zeit
ist Geld". Unsere westlichen Gesellschaften klagen, "daß
uns die Arbeit ausgeht", obwohl es viele Tätigkeiten im Leben
gibt, die nicht zur Arbeit gezählt werden. Die Unterwerfung des Lebens
unter die von uns gesetzten Sachzwänge hat uns viel eingebracht:
Reichtum, Wohlstand, eine unglaubliche Gütervielfalt und raffinierte
Produkte, von denen die Menschen früher nur in Märchen und Utopien
träumen konnten. Alles Verdienst unserer rastlosen Tätigkeit,
so schloß der Vortragende. Und immer noch sind wir auf der Suche
nach einem noch besseren Leben. Hier ist ein hübsches Zitat von Prof.
Heintel aus seinem Essay "Zeitmanagement und Lebenskunst" von
1999: "Denn die schnelle Abfolge von immer Neuem läßt
uns an die Illusion glauben, immer größere Teile des Noch-Nicht
erobert zu haben. Dabei werden wir aber das Hamsterraddrehgefühl
nicht so richtig los." Offenbar setzt sich in unserer Gesellschaft
immer mehr das Bewußtsein durch, daß der Fortschrittsglauben
an Besseres nicht das letzte Bessere sein kann; Müdigkeit, so wurde
uns deutlich mitgeteilt, macht sich breit im Überfluß, Überbefriedigtsein
verlangt nach raffinierter Würze. Das bessere Leben kann nicht von
außen kommen, was uns recht klar und deutlich die Geschichte lehrt
und lehren sollte.
Neben diesem nachdenklichen Themenkomplex, der natürlich nur tangiert
werden konnte, hörten wir nette Anekdoten aus seiner Schulzeit bis
hin zu seinen Erfahrungen mit Projektmanagementfragen und der damit verknüpften
Sozial- und Organisationsdynamik. Hier sprach auch ein Sozialwissenschaftler
und ein erfahrender Didaktiker zu uns, wir hörten ihm sehr gern zu.
Sein Wissen, eingebettet in Lebenserfahrung war getragen durch die Vermittlung
zwischen Abstraktion und Lebenspraxis, häufig anekdotisch durchsetzt.
Der Vortrag von Prof. Heintel stiftete bei uns so manches Nachdenken über
unsere schnellebige Zeit. Halten wir die sokratische Gelassenheit in uns
wach und hören wir im hektischen und lärmenden Treiben der Welt
auf das schillerscher Wort: "Still und allmählich gedeiht das
Köstliche."
Neben dem "Verein zur Verzögerung der Zeit" steht Univ.
Prof. Dr. Heintel auch dem Institut für Konfliktforschung in Klagenfurt
vor. Manch einer erkundigte sich gleich nach dem Vortrag persönlich
bei Prof. Heintel, um zu erfahren, wie man in seinem Verein Mitglied werden
kann.
Ulrich F. Wodarzik
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17.00-18.30 Uhr: Dr. Karl W. Beinhauer:
"Forschungen zum Homo heidelbergensis von Mauer
an der Elsenz in Baden"
Ab 18.00 Uhr Aussprache
"Forschungen zum Homo heidelbergensis von Mauer an der Elsenz in
Baden"
Mit viel Begeisterung und Engagement vorgetragen hörten wir vom Homo
erectus, dem sogenannten frühen Menschenwesen. In wissenschaftlich
klarer Manier erzählte uns Herr Dr. Beinhauer, Mitglied der Archäometrie-Arbeitsgruppe
von dem Unterkieferknochenfund in der Nähe des Örtchen Mauer,
südlich von Neckargemünd oder 10 km südöstlich von
Heidelberg. Dieser bedeutende Fossilienfund wurde am 21. 10. 1907 nach
systematischer Suche beim Ausheben von Sand von dem Sandgrubenarbeiter
Daniel Hartmann (1854-1952) in einer Schippe Sand entdeckt. Die in "Anatomie
trainierten" Sandgrubenarbeiter schaufelten eifrig um die Wette,
darunter auch D. Hartmann. Dieser schrie spontan "er sei dem Adam
zugehörig", als er den Knochen auf seiner Schippe sah; er erkannte
sofort, daß es sich um einen menschenähnlichen Fund handeln
mußte. Diesem Unterkieferknochen wurde 1908 durch O. Schoetensack
der nomenklatorische Begriff des Homo erectus heidelbergensis zugeordnet.
Die Kiesgrube in der Nähe von Mauer erlangte durch die Fossilienfunde
Berühmtheit und damit wurde das früheste Zeichen menschlichen
Lebens in Europa auch mit dem Namen Heidelberg verknüpft.
Dieser Unterkieferfund ist von überragender Bedeutung für die
Archäologie der ältesten Kulturen Deutschlands oder im weiteren
Sinne für das Auftreten des Frühmenschen in Europa, so hörten
wir vom Referenten. Eine wissenschaftliche Schätzung für das
Alter des Unterkiefers sei etwa in der Größenordnung von 600000-700000
Jahren. Eine unvorstellbare Zeitspanne in die Vergangenheit, wenn wir
uns vor Augen halten, daß zivilisatorische Beweise (Schrifttafeln
o. ä.) etwa nur 6000 Jahre zurückzudatieren sind. Dieses Wesen,
genannt Homo erectus heidelbergensis dessen Unterkieferknochen 1907 gefunden
wurde, soll noch vor dem Neandertaler existiert haben. Der Unterkieferknochenfund
befindet sich zur Zeit unter den Fossiliensammlungen des Geologisch-Paläontologischen
Instituts der Universität Heidelberg.
Herr Dr. Beinhauer, Leiter der archäologischen Sammlungen des Reiss-Museum
in Mannheim hat mehrere gut lesbare Texte und wissenschaftliche Aufsätze
verfaßt, die über das Auftreten des ersten Menschenwesens in
Europa berichten. Er ist ferner Mitherausgeber des gut gelungenen Bildbandes
"Schichten - 85 Jahre Homo erectus heidelbergensis von Mauer."
Die Entdeckung des frühmenschlichen Unterkiefers in der Sandgrube
"Grafenrain" zu Mauer war ein sensationeller und wissenschaftlicher
Akt, schwärmte der Referent. Nicht nur Regionalgeschichte und europäische
Geschichte, sondern in gewisser Weise auch Weltgeschichte sei durch den
Fossilienfund dokumentiert. Der Unterkiefer, den der Urneckar im Laufe
der Zeit mit seiner Sandfracht bewegte und bis zum Funddatum aufbewahrte,
ist bis heute wohl das älteste Zeugnis eines menschenähnlichen
Lebewesens in Europa. Schon 1887 besuchten Archäologen regelmäßig
die Sandgruben am Neckar, besonders diejenige in Grafenrain bei Mauer.
Man sagte auf Grund der damaligen Kenntnisse voraus, daß ein gemeinsames
Vorkommen von Tierfossilien, menschenähnlichen Knochenresten und
Artefakte in diesen Flusssanden möglich wäre.
Einmalig, so der Referent sei beim Homo erectus das zunehmende Gehirnvolumen,
nämlich von 700 cm3 bis zu 1300 qcm3, was aus der Geometrie des Unterkiefernknochen
geschlossen wurde.
Das Problem der Datierung des Fundes und die Zuordnung zu einem menschenähnlichen
Wesen steht naturgemäß im Zentrum des Interesses. Wissenschaftliche
Untersuchungen und Überlegungen, so hörten wir von Herrn Dr.
Beinhauer, führten aber wohl eindeutig zum Schluß, daß
der Fossilienfund - der medizinische Begriff für den Unterkiefer
ist die Mandibula - von einem menschenähnlichen Wesen stammt. Viele
Fragen im Zusammenhang mit der Altsteinzeit ergeben sich. Die Mandibula
beweist - wenn die Datierung des Fundes als Unterkieferknochen eines Frühmenschen
stimmt - daß vor mehr als 600000 Jahren Menschen oder menschenähnliche
Lebewesen im Rhein-Neckar-Raum existierten. Dieser nach dem Fundgebiet
Homo erectus heidelbergensis benannte Frühmensch muß demnach
der älteste Europäer sein. Nach neuesten Forschungserkenntnissen
handelt es sich bei den, in derselben Grube gefundenen Gegenständen
um Artefakte, die eindeutig Steingeräten zuzuordnen seien. Diese
wurden vom Frühmenschen bearbeitet und verwendet. Diese Steinwerkzeuge
wurden tatsächlich in derselben Schicht wie die Mandibula von Mauer
gefunden. So ist die Vermutung wohl korrekt, daß der Aufenthaltsort
des homo erectus sich ganz in der Nähe der Fundstelle des Unterkiefers
befinden könnte. Wir hörten weiter von zwei Forschungsbohrungen
im Oktober 1991 in der Nähe der Fundstelle, dessen Bohrkerne einige
fossilen Überraschungen zu Tage brachten.
Während des Vortrags hatte man den Eindruck, daß hier mit kriminalistischem
und enthusiastischem Gespür dem Rätsel des ältesten Europäers
auf den Grund gegangen wurde. Herr Dr. Beinhauer ließ uns alle daran
teilnehmen. Während seines liebevoll vorgetragenen Rundgangs durch
die Archäologie in Ansehung des Homo erectus heidelbergensis, bemerkten
wir zunächst nicht, wie die Zeit - TEMPUS EDAX RERUM - rasant fortschritt.
Ulrich F. Wodarzik
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Berichte vom Sonntag, den 18. März 2001
9.30-11.00 Uhr Dr. Hanspeter Rings:
"Die Quadratur des Goethe? Der Dichter in Mannheim"
Ab 10.30 Uhr Aussprache
Ein vielversprechender Titel - der im Vortrag auch eingelöst
wurde - über Goethes Kurzbesuche in der Quadratestadt Mannheim. Wir
hörten vom Referenten über Goethes Mannheim und Mannheims Goethe.
Goethe (1749-1832) besuchte Mannheim das erste Mal 1769 und schaute sich
mit großem Erstaunen den Antikensaal mit Gipsabgüssen antiker
Skulpturen an. Der Antikensaal oder der "Saal der Statuen",
wie er in einem Reiseführer "Pfälz,ische Merkwürdigkeiten"
aus dem Jahr 1784 genannt wurde, befand sich im Quadrat F 6,1. Heute findet
man dort nur schmucklose Nachkriegsbauten. Alle überlebensgroßen
Abgüsse antiker Originale, die der jugendliche Goethe bestaunen konnte,
sind verloren gegangen. Wir nehmen heute an, daß Goethe seinen gleichsam
bildenden Eindruck von der klassischen Antike beim Anblick jener Statuen
bekam. Goethe hat sich oft freudig an diesen kurzen aber bleibenden Eindruck
in Mannheim erinnert; es war sein Schlüsselerlebnis und von entscheidender
Bedeutung für die weitere Entwicklung des Dichters. Als Beweise könnte
man einige Stellen aus seinem Monumentalwerk angeben, wie z. B. in einem
Brief von 1808 an seine Frau Christiane und Sohn August: "(...) Ich
empfehle, ja ich trage es Euch auf, nach Mannheim zu fahren!" Oder
vielleicht der berühmteste Hinweis der Wertschätzung für
diese Stadt aus "Hermann und Dorothea" von 1798, im dritten
Gesang: "Darum hab ,ich gewünscht, es solle sich Hermann auf
Reisen bald begeben, und sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt
Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruht
nicht, Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren."
Welche Stadt hier gemeint ist, hat uns Goethe nicht verraten, sie bleibt
sein Geheimnis. 1826 notierte Eckermann "(...) Da wollen sie wissen,
welche Stadt am Rhein bey meinem Hermann und Dorothea gemeint sey! - Als
ob es nicht besser wäre, sich jede beliebige zu denken! - Man will
Wahrheit, man will Wirklichkeit und verdirbt dadurch die Poesie!"
Wir hörten von Herrn Dr Rings, daß auch der junge Goethe nicht
so ohne weiteres auf die Bretter, welche die Welt bedeuten, kam; mit seinem
Lustspiel "Die Mitschuldigen" erreichte er 1769 (also 20 jährig)
nichts bei dem Mannheimer Publikum. Heute sei dieses Stück so gut
wie vergessen, bis auf die Tatsache, daß in ihm die erste Erwähnung
des "Doktor Faustus" zu finden ist. 1773 erfolgte ein neuer
Versuch die Stadt zu erobern. Zusammen mit dem älteren Klopstock
- etwa doppelt so alt wie Goethe - reiste der junge Dichter von Frankfurt
in einer Kutsche Richtung Süden. Als Knabe hat Goethe die Oden Klopstocks
verehrt. Klopstock wollte weiter bis Karlsruhe, aber Goethe stieg in der
Quadratestadt aus. Während der Fahrt wird über vieles geredet;
sicherlich sprudelnd und begeisternd erzählte der junge Goethe von
seiner bereits in so jungen Jahren begonnenen Faustdichtung, heute als
Urfaust bekannt. Vermutlich war das Puppenspiel von Dr. Faust dem Kinde
Goethe vertraut, ferner kannte er auch schon früh das Faustbuch des
Christian Meynenden. Es gibt eine Tagebuchnotiz eines Freundes namens
Boie, wo im September 1774 vermerkt ist: "Sein Dr. Faust ist fast
fertig und scheint mir das Größte und Eigentümlichste
von allem." Dieses grandiose weltliterarische Werk mit seinen Themen
des menschlichen Lebens zwischen Himmel, Erde und Hölle wird den
Dichter sein ganzes Leben begleiten, ja über seinen Tod hinaus. "Faust
II" erschien bekanntlich posthum 1833, nach dem Wunsch des greisen
Dichters.
Herr Dr. Rings erzählte uns von der überaus produktiven Zeit
um 1773/74, für den jungen, im Frankfurter Schöffengericht zugelassenen,
Rechtsanwalt. Der Sturm und Drang in Goethes Werken und Wesen brachte
in kaum mehr als sechs Wochen den Raubritter "Götz von Berlichingen"
hervor, dann den "Werther", "Clavigo" und die Disposition
zum "Egmont" u. a. Der schmale Band "Die Leiden des jungen
Werthers" wurde vom gebildeten Publikum als ein spektakuläres
literarisches Ereignis gefeiert; immer das großartige Thema vor
Augen, nämlich den tragischen Zusammenstoß des Individuums
mit dem notwendigen Gang des Ganzen. Goethe war 24 Jahre alt, und seinerzeit
einer der bekanntesten Autoren in Deutschland. Sogar in den Akten des
Mannheimer Stadtarchivs trat der Titel in der Form "Göthe Leiden
Werthers" auf, basierend auf einer Verlassenschaftsakte eines Dr.
Med. Leopold Frank, der den "Werther" zwischen seine Medizinbüchern
stellte, so hörten wir vom Referenten.
Im Februar 1775 begab sich Goethe wieder nach Mannheim, diesmal hatte
er geschäftlich mit Verlegern zu tun. Eindrucksvoll schilderte uns
der Referent ein für die Quadratestadt folgenschweres Ereignis, denn
der Dichter wäre fast ein "Mannheimer Buu" geworden. Es
war die Rede von einer möglichen Einheiratung in die kurpfälzische
Beamtenaristokratie; Verlobung mit Lili Schönmann im April und Lösung
des Verlöbnisses im Herbst 1775. Literarische Zeugnisse dieses dramatischen
Geschehens erfahren wir von Goethe selbst, nämlich aus dem 17. Buch
in "Dichtung und Wahrheit". Aber während dieser Zeit erfolgten
die ersten Begegnungen mit Karl August, dem Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach.
Unwiderruflich zog es Goethe nun nach Weimar, um dort in Amt und Würde
zu kommen. Wie wir wissen, verstand sich der etwa 10 Jahre ältere
Goethe gut mit dem Herzog. Karl August verschaffte Goethe in respektvoller
Freundschaft den Seelenraum, in welchem dieser sein Genie entfalten konnte.
"Goethes Weimarer Zeit beginnt, Mannheims Traum zerrinnt", wie
es Herr Dr. Rings trefflich ausdrückte. Auf der Rückreise von
der Schweiz besuchte Goethe 1779 zusammen mit Karl August auf der Durchreise
abermals Mannheim. Das Mannheimer Theater spielte ihnen zu Ehren "Clavigo".
Noch zweimal, nämlich 1814 und 1815 besuchte der Dichter die Quadratestadt,
nachweislich sein siebter und achter Aufenthalt in der Stadt. Während
dieser Zeit fühlte sich Goethe zum Naturforscher berufen, den ersten
Teil des "Faust" bereits seit Jahren abgeschlossen. Schiller,
der ihn zum "Faust" unermüdlich ermuntert hatte, war schon
längst tot (1805). Diese sogenannte erste Reise in den Rhein-Main-Neckar-Raum
brachte Goethe natürlich auch nach Heidelberg, wo er mit Enthusiasmus
die bedeutende Kunstsammlung der Gebrüder Sulpiz und Melchior Boisserée
besuchte. Den Eindruck, den Goethe von diesen Bildern der Sammlung altflämischer
und rheinischer Malerei empfing, war gewaltig: "Ach Kinder",
rief er begeistert aus, "was sind wir doch dumm, was sind wir dumm!
Das waren andere Kerle als wir, ja Schwerenot! Die wollen wir gelten lassen,
die wollen wir loben und abermals loben! Die verdienen, daß Fürsten
und Kaiserinnen, daß alle Nationen kommen und ihnen huldigen!"
In einem Brief an seine Frau Christiane schreibt er vom "regelmäßigen",
vom "freundlichen", sowie "gleich und heiter gebauten Mannheim".
Es war auch die Zeit, als die ersten Gedichte zu seinem Band "West-Östlicher-Divan"
(Divan=Versammlung) entstanden. Ob die persischen Gedichte ihn während
seiner nächtlichen Kutschfahrten in Südwestdeutschland inspirierten?
Wir wissen es nicht. Ende September 1815 logierten Goethe und der Herzog
das letzte Mal im "freundlichen und regelmäßigen Mannheim",
und zwar wie wir hörten im Gasthaus "Zu den drei Königen"
am Marktplatz.
Was bedeutet Goethe für Mannheim? Wie wurden die verschiedenen Jubiläums-
und Gedenkdaten, wie seine Werke rezipiert, so fragte der Referent. Nicht
einmal eine Woche nach dem Ableben des am 22. März 1832 verstorbenen
großen Dichters und Denkers gab es einen Hinweis in den Ausgaben
der "Mannheimer Tageblätter". 1849 hatten Preußische
Truppen in Mannheim Einzug gehalten und die Standgerichte waren im vollen
Gange, trotzdem brachte das "gleich und heiter gebaute" Mannheim
am 27. August 1849 zum 100. Geburtstag den "Faust I" auf die
Bühne.
Das Goethejahr 1899 konnte in Mannheim elektrifiziert gefeiert werden,
ein Generator auf dem "Schillerplatz" vor dem Theaterhaus beleuchtete
die Goethe-Gedenkfeier. Es gab einen festlichen "Götz"
und "Iphigenie auf Taurus". Und im Generalanzeiger von 1899
lesen wir vom damaligen Bürgermeister: "(...) daß wir
in Mannheim uns mit gleichem oder größerem Recht als manche
andere Stadt, in der Goethe sich zeitweilig aufgehalten hat, zu den sogenannten
Goethestädten rechnen (...) dürfen." Mannheim bekam 1899
seine Goethestrasse bzw. Goetheplatz, auf dem das heutige Nationaltheater
steht. 1932 (100 Jahre ist Goethe bereit tot) gibt Willy Birgel als Mephisto
im "Faust I" sein bestes, und in der Neuen Mannheimer Zeitung
lesen wir vielleicht deshalb: "Mannheim ist, was vielen unbekannt
sein dürfte, nicht nur eine Schiller-, sondern auch eine Goethestadt".
In Ansehung der furchtbaren Zeiten, die sich im Goethe-Gedenkjahr 1932
dunkel und deutlich ankündigten, finden wir die mutig gesprochen
Worte aus einer Rede "Goethe und wir", des Autors Fritz Droop,
die ich aus dem Beitrag "Die Quadratur des Goethe? Der Dichter und
Mannheim" aus Badische Heimat, Heft 4, 1999 von Herrn Dr. Rings,
zitieren darf: "Was die Deutschen heute von Goethe trennt, ist der
vernichtende Hass, der die Parteien gegeneinander hetzt. Wohin kam Duldsamkeit
und Menschentum? (...) Vor uns Chaos neuer Barbarei." Trotz aller
Mißlichkeiten nach dem Kriege, feierte Mannheim 1949 seinen Goethe.
"Mit Goethe zum Rhein" fand man auf Werbebroschüren, sogar
in englischer und französischer Sprache. Diese Werbeschriften sollten
wohl erzieherisch mit dem Namen Goethes auf das deutsche Volk wirken.
In einem Schreiben an den Oberbürgermeister Fritz Cahn-Garnier (Badische
Heimat, Heft 4, 1999) lesen wir: "Die internationale Anerkennung
dieses großen Deutschen bietet eine neutrale Möglichkeit (...),
die durch den Krieg hervorgerufene Ächtung alles Deutschen wirksam
wieder wettzumachen." Sehen wir auf unsere heutige wertelose Kultur
- nur noch überlebensfähig durch das globale Gleichgewicht von
Konsum und Profit - so fallen uns vielleicht die von Dr. Rings ausgesprochenen
berühmten Nietzsche Wörter ein: "Goethe - ein Zwischenfall
ohne Folgen?" 1999 war der 250 Geburtstag des Herrn Geheimrats Johann
Wolfgang von Goethe. Ist Mannheim eine Goethestadt? Lassen wir den Geist
dieses großen Dichters wehen, wie sich der Redner ausdrückte,
fernab von allen Kulturreden, indem wir auf einige letzte Worte des sterbenden
Faust achten:
"Das ist der Weisheit
letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblick dürft ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdentragen
Nicht in Äonen untergehn.-
Im Vorgefühl von solchem höchsten Glück
Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick." |
In jeder Stadt mag der Geist Goethes wehen, seine Schriften sind für
alle verfügbar und so wird es weder einen Goethemenschen noch eine
Goethestadt geben. Ich darf mit den Worten Dr. Rings schließen:
"Auf dem Weg zur Goethestadt. Alles andere wäre ja auch gleichsam
die "Quadratur des Goethe" - und die ist nicht mal in einer
Quadratestadt möglich."
Ulrich F. Wodarzik
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11.15 -12.15 Uhr Ingeborg Hiel: Dichterlesung:
Die Autorin liest Lyrik und Prosa aus ihren Werken
Ingeborg Hiel sprach, ehe sie zu reden begonnen hatte:
sie sprach durch ihre elegante, gefaßte Erscheinung, durch ihre
sparsame Gestik, durch ihre Einstimmung auf die Lesung im Warten und im
Vernehmen von musikalischen Eindrücken von Mozart.
Dann der Beginn: kontrastierend setzt Ingeborg Hiel mit mehreren Texten
aus dem Band "Daham is daham" ein, illustriert von dem bekannten
Karrikaturisten Michael Murschez. Vordergründig jedoch nur heimattümelnd,
in der Pointierung völlig fern jeder plumpen Volkstümelei, vielmehr
stoisch-ironisch dieses Vorurteil augenzwinkernd auskostend, artifiziell
reflektiert, die Bewohner ihrer steirischen Heimat jedoch immer liebevoll
im Blick:
die "Stoa-Steirer" - in Wien "gefürchtete"
Grobiane und Hinterwäldler, wie es die Deutschen in Europa vielfach
gelten.
Blickwechsel: "Ein Städter spaziert im Wald",
ein Originalbeitrag, erst zwei Wochen alt: die Träume der Banalität,
nicht hochmütig abgetan als "Wonnen der Gewöhnlichkeit"
(Th. Mann), zwar durchaus ironisch dargestellt, doch immer das Kosmisch-Religiöse
im herbeigesehnten Naturempfinden im Ohr. Achtenswerte Träume in
der Unzulänglichkeit dieses Spaziergängers.
Aus dem ansehnlichen Erzählband "...und andere Zeitgenossen"
wurden zwei Erzählungen vorgestellt - "Weises Hoffen" und
"Salamander": glasklare Prosa, fiktiv, doch psychologisch zwingend
und innerlich wahr: Der Schrecken vorweggenommenen blassen Todes, die
Außenseitersituation der "alten Hexe vom 7-er Haus", bedrückend
und echt die Not einer Unbedeutenden, absterbend Wissenden. Drei kurze
Episoden, surreal im Charakter , aus der Erzählung "Egli era
nato per la sua gloria, io per amar" aus dem eben genannten Erzählband
folgten: "unbeantwortete Briefe", traurige Reflexionen über
Sprache, über "mühseliges Entfalten der Flügel",
über Kolibris, Schlange und Stachel der Rose, nein vielmehr über
"Leben als Schatten der Liebe".
Nun folgten Gedichte aus verschiedensten Gedichtbänden der Autorin,
vielschichtig, makaber, witzig und sanftmütig: "Die Sprache
der Schildkröten", "Genügsam", "Stopptafeln
deiner Jugend", "Bibelsanftmut", [...] und zuletzt "Ein
Lächeln".
Der erste Vorsitzende dankte Frau Hiel : "Sie stehen
in der Sprache selbst, die sich von innen her gestaltet. Aus innerer Sprachkraft
- humboldtsch gedacht - gestalten Sie Welt in ihrer Vielfalt." "Wir
verabschieden uns lächelnd von Ihnen", fügte Frau Prof.
Höhl - die Lesung der Dichterin sinnig schließend - hinzu.
Wolfgang von der Weppen
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12.15 Uhr Schlußworte: Frau Prof. Dr. Gudrun Höhl
Den Gedanken des ersten Vorsitzenden zum Eingang der Tagung
über Zorn, Heiterkeit und Ironie fügte Frau Prof. Höhl
noch zwei weitere hinzu: den des Maßes, der Grenze, welche keine
bloße starre Linie bedeute, und den der Verantwortung in der Freiheit
des Gestaltens, des Empfindens, des Innehaltens. Dabei erinnerte sie an
die vier Momente der Eigenzeitlichkeit: die techne, das bio-, das psycho-
und das soziomorphe Denkmodell und schlug einen weiten Bogen in Vergangenheit
der Sokrates- und der Humboldt- Gesellschaft zurück bis 1978, das
Verhältnis von Geist und Natur als lebendige Beziehung begreifend
als Ringen um das Sein, um das Menschsein.
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