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Mit dem nachstehenden Artikel über Peter Kafka wird eine Reihe eröffnet, welche Menschen gewidmet ist, die - auf die Vernunft vertrauend - in höchst unter-schiedlicher Weise und in völlig verschiedenen Lebensbereichen sich Unvernunft, Starrheit und Begrenztheit des Verstandesdenkens entgegengestellt haben und welche im Vertrauen auf den inneren Daimon ihren Weg gehen oder gegangen sind. Bevorzugt werden Persönlichkeiten vorgestellt,
die in ständigem Kampf gegen mehr oder weniger mächtige Institutionen
den Mut nicht verloren haben, sinnbestimmt zu denken, sich schiefer Argumentation,
engherziger und engstirniger Denkweise, interessenverpflichteter Beugung
der Wahrheit mit Klugheit und oft auch Humor beharrlich zu widersetzen.
Um einen weltanschaulichen Standort oder um die Fixierung von Meinungen
und Positionen kann und will es einer Sokratischen Gesellschaft dabei
nicht gehen.
Obgleich er mich nur von zwei, drei Briefen und ebenso vielen Telefongesprächen her kannte und sehr müde schien, empfing er mich wie selbstverständlich und begrüßte mich wie einen alten Bekannten, freundlich und interessiert. Ich hatte ihn ein halbes Jahr zuvor eingeladen, auf unserer kommenden Tagung zu referieren, da wir in unserer Sokratischen Gesellschaft eine engagierte, offene, ja auch kontroverse Fragestellung schätzten, und ich annehmen mußte, daß nicht jeder in den vielen Perspektiven seines Denkens und Schreibens seiner Meinung sein konnte und auch ich selbst, obgleich ich begeisterter Leser Peter Kafkas war, seinen Auffassungen nicht in allen Punkten zustimmte. Peter Kafka hatte mich zwei Wochen zuvor angerufen, daß er den Referatstermin im März 2001 bei der Sokratischen Gesellschaft entgegen seiner definitiven Zusage - der Name Sokrates hatte ihn offenbar angezogen - nicht wahrnehmen könne, da er an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt sei und nur noch wenige Wochen zu leben habe. Ich kann mich nicht erinnern, einen Menschen je erlebt
zu haben, der so gefaßt und ruhig seinem nahen Tode entgegensah,
einen Menschen, der doch so kämpferisch und engagiert, ironisch und
auch apologetisch, ja mitunter auch polemisch für die Wahrheit stritt
und eintrat, wie er sie kraft der Vernunft und der Empfindung "wahr"
- nahm. Doch nicht nur in den ernsten Fragen der Nutzung von Atomenergie
versuchte Peter Kafka Antworten zu finden, in vielen wesentlichen Menschheitsfragen
war er "befangen", nicht besserwisserisch vernünftelnd,
betroffen vielmehr und stets die Dinge im Lichte des Logos betrachtend;
dies konnte für ihn nicht heißen, in einer planen Rhetorik
zu überreden - etwas, was ihm gelegentlich unterstellt worden ist:
bloßer Polemiker zu sein, gar Sophist. Solche Mißdeutung hat
seit den Anschuldigungen gegenüber Sokrates, Sophist zu sein, offenbar
Jahrtausende überlebt. Es sind allerdings wohl eher die Mächtigen,
welche sich der Rhetorik in selbstgefälliger Gewißheit der
Durchschlagskraft ihres Interessenstrebens überlassen als jene, die
gegen verdeckte Interessen ohne jeden persönlichen Gewinn kämpfen.
Jenes Haus "Am Poschinger Weiher" an der Ausfallsstraße im Norden Münchens, etwas abseits gelegen, hatte ich ein wenig suchen müssen, war zunächst an der kleinen Seitenstraße vorbeigefahren. Es war im Landhausstil erbaut, schon etwas älter, der Garten in spätherbstlicher Ruhe. Kristin Elsen, die Kafkas letzte Jahre begleitet hatte, öffnete und führte mich nach oben zum Krankenlager. Im Innern des Hauses: eine völlig unstilisierte Offenheit des Wohnens, keine protzige, kleinbürgerlich geordnete "Behaglichkeit", weder ungeordnetes Chaos noch glatte Leere "pseudofunktionaler" Ordnungsstandards. Eine wohltuende Empfindung von Gewährenlassen stellte sich ein Es atmete alles, ähnlich dem Haus von Georg Braque oder von Ernst Jünger, eine von der Geistigkeit des Bewohners bestimmte Aura, die Dinge etwas sich selbst überlassend, echt in allem, lebendig und auf seine Art heimelig... Heideggers Aufsatz "Bauen, Wohnen, Denken" kam mir in den Sinn. Alles hier war ohne Äußerlichkeit, einer inneren Ordnung gehorchend, etwas Künstlerisch-Unbekümmertes griff Raum. Peter Kafka hatte mit leiser Stimme nahezu ein Stunde
gesprochen. Mein Beitrag zum Gespräch war eher gering. Nun war er
erschöpft. Es war schon dunkel geworden. Wir verabschiedeten uns
ohne große Worte. Ich hätte auch kaum noch mehr irgend passende
Worte gefunden, die der Situation des so bescheidenen, tapferen und großartigen
Mannes hätten gerecht werden können. Zwei Tage vor dem Heiligen Abend war Peter Kafka im Kreise seiner Lieben friedlich und heiter gestorben. Ich habe Kristin Elsen im Namen der Sokratischen Gesellschaft einen Blumenstrauß übersandt. Peter Kafka selbst wollte an seinem Grabe Blumen wissen, keine Kränze. Die Pastorin Angelika Schön, befreundet mit Peter Kafka, führte unter anderem am Grabe des Verstorbenen aus: "Der 121ste Psalm, den sich Peter gewünscht hat, wurde von Martin Buber überschrieben als ein Aufstiegsgesang. Wer ihn spricht oder singt, möge seine Augen aufheben, hinaufsteigen, da wo seine Seele sich hinsehnt, dort schaut er aus auf Hilfe. Die kommt und es umhüllt ihn die Obhut Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. So aufgehoben und geborgen, blinzelt er auf die Fülle der menschlichen Möglichkeiten zwischen Himmel und Erde hin. Gemächlich überfüllt sich sein Herz, denn er sieht die großen und kleinen Hoffnungen auf das Glück, wie sie sich entfalten möchten in den vielen Menschenherzen. Und so will er gerne jedes Herz umsorgen helfen, darin die Hoffnung darin beschützt wachse und festen Fuß fasse und die eigenen Hände jedes Menschen frei seien des tags und des nachts - weil die Hände nichts mehr abwehren müssen, nirgends klammern brauchen, und der Verstand nimmer irre werde von den Sticheleien der Gier und der Angst. Wer den Wunschpsalm von Peter mitspricht, umsorgt seinen Nachbarn mit Schutz, umhüllt den Nächsten mit der Obhut des Höchsten... Peter hielt Vorträge, schrieb Bücher all die Jahre, setzte sich ein gegen Einfalt und Raserei in der Welt, für Gemächlichkeit und Vielfalt. Zugleich ereilten ihn schwere Schäden an seiner Gesundheit, die er auszubalancieren versuchte. Er sagte wörtlich: Ich habe nie Feinde empfunden in Ärzten, die mir geschadet haben, oder in anderen Leuten, die mich angegriffen haben. Ich habe das auf einer höheren intellektuellen Ebene verarbeiten und unterscheiden können. Ich habe eigentlich Glück gehabt im Leben.' " Als ich das Haus verließ, hatte ich die Empfindung, einen Freund gewonnen und gleich wieder verloren zu haben, und dies, obgleich ich ja eine nur so kurze Zeitspanne mit Peter Kafka zusammen verbracht hatte. Doch kennt man das Denken eines Menschen ein wenig, so ist er einem nicht mehr ganz so unbekannt, wenn man ihm persönlich begegnet. Peter Kafka war in einer großen Breite von Denkbereichen
bewandert und engagiert: als Systemtheoretiker wie als Physiker, als Kosmologe
oder als Philosoph, und schließlich als streitbarer Zeitkritiker,
- stets aber war er ein völlig eigenständiger und mutiger Denker. Peter Kafka verstarb am 22.12. 2000, zwei Tage vor dem
Heiligen Abend. Kurz vor seinem Tod bekam er von der Stadt München
noch die Auszeichnung "München leuchtet" überreicht,
eine späte Auszeichnung. Etliche Nachrufer würdigten den sanften
Evolutionär, so etwa Carl Amery in der Süddeutschen Zeitung
(28. Dezember 2000) mit den Worten: "Eigentlich berühmt ist
Peter Kafka (noch) nicht geworden; aber er gehört zu den Großen
der einzig originellen Aufklärungsbewegung des 20. Jahrhunderts,
die der Wiener Evolutionsbiologe Rupert Riedl etwas irreführend "Abklärung"
genannt hat: der aus den Errungenschaften der Wissenschaft heraus möglich
gewordenen Selbstkritik der (bisher) unreflektierten Fortschrittsidee
und ihrer dialektischen Weiterentwicklung." Das Motto auf seinem Sterbebild lautete: "Leisten Sie Widerstand! Schämen Sie sich nicht, über Dinge zu sprechen, die Sie nicht ganz verstehen! Alles Wesentliche ist unverstanden." Ich denke, Peter Kafka wäre nicht erst zum Sokratiker durch den Kontakt mit der Sokratischen Gesellschaft geworden, er war je schon Sokratiker. Doch bedauern wir von der Sokratischen Gesellschaft, daß es uns nicht vergönnt war, ihn bei uns zu haben und ihn unmittelbar zu hören. Sein Sohn hatte am Totenbett des Vater die Totenwache gehalten, in Platons "Phaidon" lesend: der "Tod des Sokrates"... Die Sokratische Gesellschaft wird Peter Kafka dankbar und ehrend in Erinnerung behalten. Wolfgang von der Weppen
Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für das
Kernkraftwerk Obrigheim. [1970] |