49. Sokratisches Treffen

Termin:
Freitag, 19.6.2026 – Samstag, 20.6.2026
Thema:
Sokrates und die arabische Philosophie

Neben der griechisch-römischen, der jüdischen und der christlichen Tradition darf die arabische Philosophie als eine Säule der europäischen Kultur gelten. Islamische Denker haben von Anfang an die Ideen und Texte der antiken griechischen Philosophie intensiv rezipiert und ihrerseits großen Einfluss auf das lateinische Mittelalter ausgeübt; sie zählen zu den wichtigsten Vermittlern antiken Denkens an die Scholastik. Das Werk des Thomas von Aquin wäre nicht denkbar ohne die Aristoteleskommentare des Ibn Rušd (Averroes), die in der arabischen Hochkultur Andalusiens im 12. Jahrhundert entstanden sind. Der persische Denker Ibn Sinā (Avicenna), Arzt und Philosoph im 11. Jahrhundert, kann als ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte und Naturphilosophie gelten. Dennoch findet die arabische Philosophie bei der Betrachtung der europäischen Philosophie- und Kulturgeschichte nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit. Die Tagung möchte in sokratischer Weise mit dem arabischen Denken ins Gespräch kommen und seiner Entwicklung vom frühen Mittelalter bis in die Moderne anhand von Vorträgen ausgewählter Expertinnen und Experten verfolgen.

Programm


Freitag, den 19. Juni 2026

15.00-18.30
Workshop für Lehrkräfte und Studierende:
Satin salve? – Minime! Der Umgang mit problematischen Texten im Lateinunterricht

Vergewaltigung und Suizid, Frauenraub und sexualisierte Gewalt: Unsere Latein- und Griechischlehrbücher sind voll mit problematischen Geschichten aus der Antike. Wie gehen wir damit im Unterricht um, ohne Kinder und Jugendliche zu verstören oder sogar zu (re-)traumatisieren? In diesem Workshop tauschten wir Erfahrungen aus, gaben Beispiele für Präventionsarbeit und gestalteten Handreichungen für den täglichen Unterricht.



Samstag, den 20. Juni 2026

9.30 Uhr
Eröffnung: Prof. Dr. Christian Tornau

10.00 - 11.00
Dr. Cleophea Ferrari, Erlangen:

Sokrates in der Tonne. Die Figur des Sokrates zwischen Tugendethik und Populärphilosophie in der arabischen Tradition

An der Figur des Sokrates in der arabischen Tradition und den ihm zugeschriebenen Dicta lässt sich besonders gut darstellen, wie die verschiedenen Überlieferungsstränge aus der Spätantike verlaufen und sich vereinigen: Einerseits geht es dabei um die Rezeption der antiken griechischen Philosophie, andererseits um die für die genuin arabische Kulturgeschichte typische enge Verbindung zwischen literarischer Bildung (Adab) und Philosophie.

11.30 - 12.30
Prof. Dr. Andreas Lammer, Bochum:

Gibt es leeren Raum? Wissenschaft und Philosophie in der Physik Avicennas

Der Vortrag korrigierte ein abnehmendes, aber nicht vollständig überwundenes Vorurteil: Arabische Philosophen hätten der aristotelischen Naturphilosophie wenig Innovatives beigetragen. Gerade bei den Theorien zu Ort und Raum, so Pierre Duhem vor über einem Jahrhundert, fehlte es an verständiger Originalität. Dagegen zeigte der Vortrag, dass dieser Eindruck trügt: Avicenna erfasste die Problemlage scharf und analysierte sie präzise. Ausgehend von antiken Aporien bei Theophrast und der spätantiken Radikalkritik des Philoponos verteidigte er Aristoteles’ Ortsdefinition als innere Grenzfläche des umfassenden Körpers, präzisierte sie und entkräftete zugleich grundlegende Einwände. Eine Fallstudie zur Klepsydra und zur vermeintlichen Anziehungskraft eines Vakuums rekonstruierte Avicennas Entwicklung. Im Kontext innerislamischer Debatten verortet und von einem Austausch mit seinen Zeitgenossen al-Bīrūnī geprägt, erweist sich seine Originalität: Avicenna entwickelte eine konsistente, allgemeine Physik des Ortes, die ohne die Annahme eines leeren Raumes auskam und auf einer innovativen, dynamischen Konzeption von Materie, Volumen und Dichte gründete.

14.30 - 15.30
Dr. Margot Leblanc, Leuven

Ramon Llull and Ibn Sina, al-Ghazali, Ibn Rushd and al-Juwayni: a focus on the Divine Attributes

Ramon Llull, a 13th-century Catalan philosopher, adventurer and poet, spent years studying Neoplatonic philosophy with only one goal: devising a thought system which could explain the universe in such a way that Christian doctrines became self-evident. Armed with the philosophical methods of his Art, which he claimed to be divinely revealed to him, Llull ventured among Muslim communities in the mediterranean world. However, his adventures did not always end well. In 1307, Llull set sail for Bejaya, where he attempted to coax local bystanders into a debate. This tactic led to a heated argument, and eventually, Llull’s imprisonment. It is there Llull continued his debate with a Muslim scholar, which he recorded in full. Here, we can see the extent of Llull’s thought system, when applied to an actual debate.

The focus of the lecture was the role of Arab philosophy in Llull’s thought system. More precisely, it discussed the importance of the writings of Ibn Sina, al-Ghazali, Ibn Rushd and al-Juwayni for Llull’s Ars. Did Llull recount the arguments of the Arab philosophers truthfully? And more importantly, why (not)?

16.00 - 17.00
Alexander Christ, Donauwörth, und Sarah Weichlein, Bamberg

Bericht zum Workshop „Satin salve? – Minime! Der Umgang mit problematischen Texten im Lateinunterricht“

18.15 - 20.30

18.15-20.30 Verleihung des „Sokratischen Selbstdenker-Preises“ für herausragende Arbeiten von Schülerinnen und Schülern der gymnasialen Oberstufe in Bayern

1. Preis: Ely Trachtenberg, Wilhelms-Gymnasium München
2. Preis: Laura Hollmer, Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking

ab 20.30
Abendvortrag
Dr. Mansooreh Khalilizand, Freiburg

Ṣadr al-Dīn Shīrāzī (Mullā Ṣadrā): Der Philosoph der Isfahan-Schule

Ṣadr al-Dīn Shīrāzī (1571/72–1640), bekannt als Mullā Ṣadrā, gilt als der größte Philosoph Irans nach Avicenna sowie als unbestrittener Höhepunkt der philosophischen Schule von Isfahan. Was Mullā Ṣadrā auszeichnet und ihn zugleich als einen Bruch mit der avicennischen Tradition der Philosophie erscheinen lässt, ist einerseits seine Ontologie, in der das Sein als dynamisch und als das einzige konstitutive Element der Realität begriffen wird, und andererseits die idealistische Wende in der Epistemologie, in der dem menschlichen Bewusstsein eine zentrale, aktive Rolle bei der Konstitution der Vielheit der Entitäten zugeschrieben wird.

Der Vortrag bot zunächst einen kurzen Überblick über die Schule von Isfahan bis zur Zeit Mullā Ṣadrās und widmete sich anschließend den Grundzügen seiner Philosophie.