Sokratischer Selbstdenkerpreis 2026
Erster Preis:
Liebe und Motivation – Liebe aus handlungstheoretischer Sicht bei Platon und Harry Frankfurt
Ely Trachtenberg hat eine philosophisch außergewöhnlich kompetente, eindringliche und anregende Arbeit vorgelegt. Die Jury war von der Selbständigkeit der Fragestellung ebenso beeindruckt wie von der gedanklichen Präzision und dem argumentativen Geschick der Durchführung.
Mit Platon und Harry Frankfurt bringt Ely Trachtenberg zwei Denker zusammen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: auf der einen Seite den aus der Tradition des 20. Jahrhunderts kommenden subjektivistischen Handlungstheoretiker Frankfurt, auf der anderen Seite den metaphysischen Realisten Platon als einen Hauptvertreter der antiken „eudaimonistischen“, auf den Glücksbegriff zentrierten Ethik. Beide verbindet jedoch ihr Interesse für Liebe als wesentlichen unser Handeln motivierenden Impuls
Ely Trachtenberg beginnt mit einem kundigen Nachvollzug der Handlungstheorie Frankfurts. Für Frankfurt motiviert uns das zum Handeln, was „uns wichtig ist“ („what we care about“). Dies ist gleichbedeutend mit dem Gegenstand unserer Liebe („love“), deren Kriterien Interesselosigkeit, Konkretheit und Ich-Nähe sind: Was wir lieben, lieben wir um seiner selbst willen; wir lieben es als konkretes Ideal (nicht als abstrakte Idee); und wir betrachten diese Liebe als konstitutiv für unser „Selbst“, für das, was wir eigentlich sind. Vor allem der letzte Punkt begründet die ethische Bindungskraft der Liebe: Gäben wir sie auf, würden wir falsch handeln und wären nicht mehr wir selbst. Ely Trachtenbergs folgende Analyse des Liebesdenkens Platons fußt auf einer handlungstheoretischen Lesart der Diotima-Rede des Symposions. Platons Rede vom Glück (eudaimonia) als „Haben“ des Guten wird hier rekonstruiert als angemessenes Verhältnis zu dem, was wirklich gut ist; und da dieses Gute für den Realisten Platon ein absolutes Gutes ist, ist es rational, nach einem ewigen, unaufhebbaren „Haben“ des Guten zu streben – wofür angesichts der Endlichkeit des Menschen die „Zeugung im Schönen“ eintritt. Das ist vielleicht nicht die einzig mögliche, aber eine kluge und sorgfältig anhand des griechischen Textes erarbeitete Leseweise, die den Vorteil hat, dass sie die Konkretion und „Ich-Nähe“ des platonischen Strebensziels herausstellt – was die Vergleichbarkeit mit Frankfurt bei allen Differenzen schlagend deutlich macht.
Die vorgelegte Arbeit ist in ihrer wissenschaftlichen Argumentation und der Quellenbenutzung tadellos. Das eigentlich Beeindruckende an ihr ist aber, dass sie nicht nur auf jeder Seite eigenständiges Denken und die Auseinandersetzung mit Vorgängern vorführt, sondern auch selbst zum Mitdenken und zur Auseinandersetzung einlädt. Das ist Selbstdenken in bester sokratischer Tradition. Wir gratulieren zu dieser Leistung sehr herzlich.
Zweiter Preis:
Die moralische Bewertung der Medea des Euripides aus existentialistischer Sicht
Laura Hollmer stellt die Frage, ob der zweifache Kindermord in Euripides’ Medea nicht nur als Werk einer bösen, rachsüchtigen Hexe und Barbarin zu deuten ist, sondern auch als Ausdruck innerer Freiheit, Selbstermächtigung und Ausbruch aus den patriarchalischen Strukturen der griechischen Gesellschaft zu lesen ist.
Sie beantwortet die Frage, indem sie den Text einerseits in der Perspektive der existentialistischen Philosophie Sartres, andererseits in der hiervon ausgehenden Sichtweise der Simone de Beauvoir auf die Geschlechterfrage interpretiert. Zentral ist hier die Vorstellung von Existenz und Essenz, das heißt von Sein und Sein-Wollen, von An-sich-Sein und Für-sich-Sein, von Faktizität und Freiheit. Ergänzt wird dieser Dualismus durch das ‚für-andere-Sein‘, den Blick der anderen, durch den wir objektiviert werden und der in ein Spannungsverhältnis zu unserem eigenen Subjektsein tritt. Aus dieser Ambivalenz leitet sich die Frage nach Moral und ethischer Verantwortung ab: Wie weit kann innere Freiheit gehen, wenn auch die Freiheit der anderen gewahrt bleiben muss?
Laura Hollmer wendet diese Kernproblematik auf die Medea des Euripides an: Medea erfährt vor allem Zuschreibungen von außen: Für die Amme ist sie ‚unheimlich‘ und ‚von böser Art‘; für Iason ist sie zunächst eine gottbegnadete Geliebte, die ihm helfen kann, das Goldene Vlies zu stehlen; als Ehefrau Iasons und Mutter seiner Kinder verliert sie ihre individuelle Freiheit; nach dem Ende der Ehe wird sie in Iasons Augen zu einer grenzüberschreitenden Barbarin.
Durch die Ermordung von Iasons neuer Frau Kreusa und deren Vater, dem korinthischen König Kreon, sowie ihrer eigenen Kinder verfehlt Medea den Imperativ der existentialistischen Ethik, die Wahrung der Freiheit der anderen. Durch ihren Ausbruch aus einer von außen bestimmten Faktizität, aus ihren gesellschaftlich determinierten Rollen jedoch bekennt sie sich durch ihre Taten zu einer radikalen Freiheit. Gestärkt wird diese Lesart durch das erste Chorlied der Medea, in dem der Chor der korinthischen Frauen in Medea eine Vorkämpferin für das Recht der Frau erkennt. „,Mich wählend, wähle ich den Menschen‘, formuliert Sartre und genau das tut Medea … Dass ihre Rache auch … als Bemühung um die Stärkung der Stellung der Frauen zu verstehen ist, belegen Ausrufe des Frauenchors im ersten Stasimon, die sich durch Medea ‚Ehre für das weibliche Geschlecht‘ und eine Restaurierung des Rechts erhoffen ...“
Laura Hollmer ist eine Arbeit gelungen, die philosophische Tiefe besitzt, indem sie nicht nur Sartres existentialistische Philosopheme reflektiert, sondern auch deren Anwendung in der feministischen Literatur Simone de Beauvoirs präzise nachvollzieht und für eine aktuelle Deutung der euripideischen Medea nutzbar macht. Zugleich ist die Arbeit ein Plädoyer für Geschlechtergerechtigkeit, die Hinterfragung tradierter Rollenbilder und die Neubewertung antiker Literatur im Lichte aktueller gesellschaftlicher Diskurse. Damit verbindet die Arbeit beide Teile des Mottos der Sokratischen Gesellschaft: Philosophie in der Akademie und Philosophie auf dem Markt. Herzlichen Glückwunsch zu diesem schönen Beitrag!
